Paula Bulling: Im Land der Frühaufsteher

(ISBN: 9783939080688, 2012, ab 16 Jahre)

Im Land der Frühaufsteher von Paula Bulling macht in eindrücklichen Bildern eine der trostlosen Seiten der geteilten Lebenswelten deutlich. Der Buchtitel ist gleichzeitig der Werbeslogan des Bundeslandes Sachsen­ Anhalt. Dort zu leben heißt für einige, von der Umwelt abgeschirmt in heruntergekommenen Gebäuden, ohne Zugang zu Bildung, Arbeit und Abwechslung ein Leben im Wartestand zu führen und gegen Rechtlosigkeit und Entwürdigung ankämpfen zu müssen. Für einige andere – wie die Zeichnerin und Autorin Paula Bulling – bedeutet es, sich in ihrem Studium selbstbestimmt kreativ zu entfalten und mit den politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Wie beides zusammenkommen kann, davon handelt diese Comic­Reportage.

Paula Bulling schildert, wie sie zu Asylbewerbern in ver schiedenen Flüchtlingsheimen in Sachsen­Anhalt Kontakt aufnimmt und in intensiven Gesprächen Recherchen über deren Situation durchführt. Sie begleitet die Refugees auch bei Protestkundgebungen und bei Auseinandersetzungen mit gewalttätigem oder verbalem Alltagsrassismus. Dabei freundet Paula Bulling sich mit einigen Personen an und pflegt gemeinsame Interessen wie den intellektuellen Aus­tausch über Kinofilme. Die bisweilen skizzenhaften Illustrati­onen vermitteln etwa durch die Farbgebung – hauptsächlich in Grau – denjenigen, die so nicht leben müssen, eine Ahnung von den Zumutungen eines deutschen Flüchtlingsheims.

Ein Leitmotiv der Reportage, die auch in künstlerischer Zusammenarbeit mit einigen der Protagonisten entstand, ist die Frage nach einer angemessenen Perspektive: Um nicht das Sprechen über Andere und dabei die vorherrschenden Deutungsmuster ungebrochen zu wiederholen, macht Bulling unterschiedliche Positionen, damit einhergehende Beziehungen der Protagonisten zueinander und die Unsicherheiten, die daraus folgen, zum Thema. So schafft es Paula Bulling, mit ihrer Erzählung, Leserinnen und Leser in privilegierten Positionen dazu anzuregen, die eigene Haltung zu reflektieren.

Quelle: VielSeitig – Lesenswerte Bücher. Ausgewählt im Jüdischen Museum Berlin (2013)